Mein Weg mit Gallengangskrebs – ein Erfahrungsbericht
Jan* erhielt 2021 die Diagnose Gallengangskrebs. Hier erzählt er uns von seinen Erfahrungen mit der Krankheit und was ihn und seine Familie bewegt und ihnen auf dem Weg geholfen hat.(*Name von der Redaktion geändert.)
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1. Verdacht & Symptome
Wann kam das erste Mal der Verdacht auf Gallengangskrebs auf?
Ich hatte mich eigentlich ganz normal gefühlt. Retrospektiv denke ich schon, dass es einige Hinweise gab. Vor allem war ich unglaublich müde, wäre deswegen aber nicht zum Arzt gegangen.
“Erst hinterher habe ich gelernt: Müdigkeit ist der Schmerz der Leber, da die Leber keine Schmerzzellen hat.”
Der Verdacht kam deswegen erst im Rahmen einer Routinekontrolle, einem Check-Up, auf. Diesen hatte ich seit Monaten im Kalender stehen. Als der Hausarzt meine Organe im Ultraschall anschaute, hat er im Gallengang eine kleine Stauung festgestellt. Er meinte zwar, dass es wahrscheinlich nichts sein wird, aber hat mich dann trotzdem in die Röhre geschickt.
2. Diagnose
Wie ging es nach dem ersten Verdacht weiter?
Gleich am nächsten Tag war ich beim Radiologen, um eine MRT und CT vornehmen zu lassen. Dort musste ich eine neue Vokabel lernen: ‚Raumforderung im Gallengang‘. Mit dem Radiologen wurde erstmal nichts weiter besprochen. Aber im Arztbrief für meinen Hausarzt stand ‚Verdacht auf Klatskintumor*‘. Ich war in einer sehr heftigen Schwebeposition, weil ich nicht wusste, was überhaupt los ist. Auch mein Hausarzt musste erst einmal nachschlagen, was ein Klatskintumor ist. Und dann musste er sich erst einmal sammeln, um mir mitzuteilen, dass das eine sehr gefährliche Art von Krebs sein könnte. In diesem Moment fahren ganz viele Notprogramme im Kopf ab. Haben die meine Daten vertauscht und mir den falschen Befund mitgegeben? Ich hatte schon verstanden, was der Arzt mir da gesagt hat, aber ich konnte es nicht auf mich beziehen. Das hat sich so angehört, als rede er über jemand anderen. Subjektiv habe ich mich komplett gesund gefühlt.
“Und dann diese völlige Ungewissheit: Ist es wirklich Krebs? Was passiert jetzt? Wie geht es weiter?”
Welche Untersuchungen folgten auf MRT und CT?
Direkt in der Woche darauf wurde ich mit meinen Bildern in ein Tumorzentrum im Uniklinikum geschickt. Dort wurden Bluttests gemacht. Da die Bilder nicht eindeutig waren, wurde auch eine sogenannte ERCP durchgeführt. Eine ERCP ist eine Probenentnahme, bei der man über Magen und Dünndarm durch die Papille in den Gallengang geht, um dort mit einer Bürste Proben zu entnehmen. Das läuft normalerweise ambulant und man geht danach wieder nach Hause. Da mit der Probenentnahme immer noch nicht zweifelsfrei festgestellt werden konnte, ob es sich um einen bösartigen Tumor handelt, folgte wenige Wochen später meine erste Operation, um das verdächtige Gewebe zu entfernen. Vor dem Eingriff hat der Professor mit der Lupenbrille in meinem Bauch alle Organe nach Metastasen oder irgendwelchen Auffälligkeiten abgesucht. Dabei hat er tatsächlich mikroskopisch kleine Metastasen im Bauchfell entdeckt.
“Damit war klar, es ist ein Klatskintumor,
eine Form von Gallengangskrebs.”
Im Gespräch danach hat man mir dann mitgeteilt, dass Gallengangskrebs, der bereits Metastasen gebildet hat, als inoperabel gilt und keine Chance auf Heilung besteht. Das war wie ein Schlag ins Gesicht.
3. Informationssuche & Therapieentscheidung
Wie ging es dir nach der Diagnose?
Dieses Diagnosegespräch, als mir der Arzt sagte, dass ich eine tödliche, sehr aggressive, sehr gefährliche Krebserkrankung habe, war der absolute Tiefpunkt. Im Englischen sagt man ‚Rock-Bottom‘. Es ist wie eine Trance, in der alles auf dich einprasselt und du dich fühlst wie in einem anderen Film.
“Ich wusste nicht, was ich fragen sollte, und habe
auch die ganzen Fachausdrücke nicht verstanden.”
Diese Situation war für mich so surreal. Vor ein paar Wochen bin ich noch ‚gesund‘ mit meinem Sohn durch den Wald gerannt und wir hatten richtig viel Spaß und jetzt sitze ich hier, diagnostiziert schwer krank. Gegen diese Realität anzukämpfen, dass es jetzt nur noch bergab gehen soll, obwohl ich mich doch ganz anders fühle, war eine extreme Herausforderung. Das hat mich unglaublich viel Energie gekostet. Und dann war da noch diese große Angst, was da jetzt kommt.
Was hat dir geholfen, mit der psychischen Belastung fertig zu werden?
Ich muss sagen, dieser ‚Rock-Bottom‘ hat mich in gewisser Weise auch befreit, weil ich wusste, es geht jetzt um alles oder nichts.
“Es gibt eine Zukunft, in der ich noch da bin und es gibt eine Zukunft, in der es mich nicht mehr gibt.”
Das ist alles, was in dem Moment zählt. Ich habe mich relativ stark auf mich konzentriert, um herauszufinden was mir gut tut und was mir hilft, um mit dem ganzen Thema besser umzugehen. Ich habe zu dem Zeitpunkt mit Meditation und mentalem Training angefangen. Diese Mentalübungen waren ganz bestimmt ein Schlüssel zum Erfolg. Meine Einstellung war, wenn ich jetzt durch mein mentales Training, durch Meditation nur 5 % verbessern kann, dann sind das 5 %, die die Medizin nicht mehr leisten muss.
Mit wem hast du deine Diagnose besprochen?
Meine Frau war von Anfang an voll eingeweiht. Sie war bei den Untersuchungen dabei und bei den Ärzt:innengesprächen. Sie war meine wichtigste Gesprächspartnerin, wir haben alles miteinander besprochen und uns gegenseitig unterstützt.
“Meine Frau hat auf die Diagnose ähnlich reagiert
wie ich: mit völligem Schock und kompletter
Gelähmtheit.”
In der Anfangszeit, als die Diagnose noch nicht ganz klar war, haben wir das für uns behalten. Meinem Team auf der Arbeit habe ich zu dem Zeitpunkt nur gesagt, dass ich für eine Untersuchung ins Krankenhaus muss. Mein Sohn hat zwar schon gemerkt, dass da irgendwas ist und mich ja auch mal in der Klinik besucht, aber wir haben mit ihm zunächst nicht darüber gesprochen, dass es um Leben und Tod geht.
Wie bist du mit der Therapieentscheidung umgegangen?
Wenn man sich mit dem Thema nicht auskennt, und hineingestoßen wird in diesen Ozean an Fakten, Wissen, Daten, Wörtern, Vokabeln, ist man völlig überfordert. Ich wusste nicht, wo mir der Kopf steht. Deshalb habe ich relativ viel Zeit verstreichen lassen, um das alles erstmal sacken zu lassen. Ich glaube, es waren drei Wochen.
“Damit man die Dinge bis zu einem gewissen Grad mitgestalten und mitentscheiden kann, ist es wichtig, sich zu informieren und sich nicht blind der Diagnose zu ergeben.”
Dazu gehört im Zweifel auch, sich eine Zweitmeinung einzuholen und so lange weiterzusuchen, bis man Ärzte gefunden hat, denen man vertrauen kann.
Wie wichtig ist es, sich selbst über die Erkrankung zu informieren?
Die Ärzte haben mich fallspezifisch immer gut informiert. Wenn ich Fragen hatte, haben sie es mir sehr gut und verständlich erklärt, worum es geht und was es bedeutet. Alle Informationen, die darüber hinausgingen, habe ich selbst recherchiert.
“Da geht es dann um das Thema Patient-Literacy,
also darum, dass informierte Patient:innen von einer
besseren Prognose profitieren könnten.”
Dafür muss man gewillt sein, sich über seinen Krebs und die Medikamente weiterzubilden. Und man muss sich darauf vorbereiten, dass man auch sehr schlimme Sachen liest, wenn man zum Beispiel in Foren unterwegs ist oder googelt.“
Was hat dir und deiner Familie bei der Informationssuche geholfen?
Es gibt sehr gute Informationsbroschüren, die in den Kliniken ausliegen. Und ich würde immer empfehlen, mit Selbsthilfegruppen und anderen Betroffenen in Kontakt zu treten, die sich schon in diesem Krebskosmos bewegen. Das ist eine Möglichkeit, sehr unaufgeregt, sehr gute und aktuelle Informationen zu bekommen. Auch von den Krankenhäusern gibt es inzwischen sehr gute Angebote abseits von den rein medizinischen Fragestellungen. Online findet man zum Beispiel sehr gute Seiten von Selbsthilfegruppen, vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) oder von der Deutschen Krebsgesellschaft, die einem sehr gute Informationen zur Seite stellen.“
4. Therapie
Welche Therapie hast du erhalten und wie lief das ab?
“Ich habe eine klassische Chemotherapie in
Kombination mit einer Immuntherapie bekommen,
da mein Krebs ja bereits gestreut hatte.”
Das lief so ab, dass ich einmal pro Woche in die Klinik musste, in einen Raum, in dem mehrere Liegen nebeneinander stehen und viele Leute gleichzeitig ihre Infusionen bekommen. Ich habe jede Mal, wenn ich da war, mehrere Infusionen bekommen. Die Gabe der Medikamente mit Vorlauf, Nachlauf etc. hat dann circa 6 Stunden gedauert und ich habe mehrere Zyklen über einige Monate bekommen. Dazwischen wird dann immer wieder ein neues Staging durchgeführt und es werden neue CT-Aufnahmen gemacht, um zu sehen, ob die Therapie anschlägt.
Ich habe vorher auch noch einen Portkatheter unter die Haut operiert bekommen. Damit kann das Medikament – da geht es dann in erster Linie um die Chemotherapie – direkt über die Vene ins Herz gelangen, wo es gleich zu einer großen Blutvermischung kommt. Dadurch werden die Zellen der Venen z. B. im Arm nicht so stark von der Chemotherapie angegriffen.
Außerdem wurden mir Stents eingesetzt, die die Gallengänge weiten sollten, damit die Gallenflüssigkeit abfließen kann.
Was hat dir geholfen, dich auf die Therapie vorzubereiten?
Auf die Therapie hatte ich mich meditativ und mental vorbereitet. Mental dadurch, dass ich die Behandlung als sehr, sehr positiv gesehen habe. Ich bin in die Klinik reingegangen und habe sie als Kathedrale der Heilung gesehen.
“Ich war einfach dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, diese Therapie zu bekommen.”
Das hat mir extrem geholfen, die Dinge und auch die Nebenwirkungen anzunehmen. Meinen Körper habe ich durch Meditation darauf vorbereitet, indem ich mir gesagt habe, dass das, was jetzt da kommt, sich zwar nicht gut anfühlen wird, aber die einzige Möglichkeit ist, wieder gesund zu werden. Während der Meditation kann man dafür schöne Bilder nutzen: Ich habe mir z. B. goldenen Lichter vorgestellt, die den Krebs angreifen und die ich – durch die Medikamente verstärkt – genau dorthin schicke, wo der Tumor sitzt.
Hattest du Nebenwirkungen während der Therapie?
Ja, man kann sich die Nebenwirkungen vielleicht wie einen wirklich richtig heftigen Kater vorstellen. Das beschreibt es eigentlich am besten. Viel Schwindel, unfassbare Müdigkeit. So sehr, dass man teilweise nicht aus dem Bett rauskommt.
“Aber ich habe mir immer gesagt ‚ohne
Nebenwirkungen keine Wirkung‘.”
Und es gibt natürlich Amplituden: Die zwei bis drei Tage nach der Gabe der Medikamente waren immer sehr heftig. Aber langsam kommt man aus diesem Tal wieder heraus und merkt, dass man doch wieder etwas kann. Ich war sehr viel in der Natur, und bin viel spazieren gegangen. Ich habe versucht, alles zu machen, was mein Körper konnte.
Was hat dir während der Therapie geholfen?
Ich habe während des ganzen Prozesses jeden Tag ein bis zwei Stunden meditiert, ausgedehnte Spaziergänge unternommen und war im Wald. Richtig tief in den Wald zu gehen und in den Wald einzutauchen, das hat mir unglaublich viel Energie gegeben.
“Gerade Bewegung – so viel möglich ist
– fördert auch die mentale Stärke.”
Man merkt, dass der Körper doch noch was kann. Für die Verstoffwechselung der Medikamente ist es natürlich auch von Vorteil, wenn man den Stoffwechsel durch Bewegung ankurbelt.
Hast du deine Ernährung während der Therapie umgestellt?
Zu 80 oder 85 % habe ich mich ganz normal weiter ernährt. Natürlich war das in gewisser Weise Schonkost. Vor allem habe ich darauf geachtet, welche Nahrungsmittel mir guttun, was leicht verdaulich ist und womit ich mich gut fühle. Ich habe seitdem meine Ernährung insofern umgestellt, als dass ich versuche, mich so natürlich wie möglich zu ernähren. Das heißt, dass ich möglichst unverarbeitete Lebensmittel zu mir nehme und darauf achte, welche Lebensmittel eher entzündungsfördernd und welche eher entzündungshemmend sind.
Wie haben Angehörige und Freunde dich während der Therapie begleitet?
Familie und Freunde waren in der Zeit enorm wichtig, obwohl ich mich im Freundeskreis von dem einen oder anderen verabschieden musste, weil ich mit der Art nicht zurechtkam, wenn mir einer dauernd sagt, ‚du musst einfach nur positiv denken!‘, hilft mir das in dem Moment nicht. Wenn ich im Regen stehe, habe ich lieber jemanden, der sagt: ‚Oh Mist, es regnet.‘, weil der mir viel wahrscheinlicher einen Regenschirm bringt als jemand, der sagt, dass die Sonne scheint.
“Krebs macht unglaublich ehrlich, den Ärzten
gegenüber, den Freunden, anderen
Menschen gegenüber.”
Und Du brauchst Menschen, die dich verstehen und die dich unterstützen. Bedingungslos. Genau das habe ich gehabt mit meiner Frau, meiner Familien und Freunden.
Welchen Stellenwert hat eine psychoonkologische Betreuung?
Psychoonkologie ist ein sehr, sehr wichtiges Thema. Es macht einen großen Unterschied, ob man sich mit einer/einem Psychoonkolog:in zusammensetzt und Themen durchsprechen kann, ganz ohne Emotionen, die aufkommen, wenn man sich mit Angehörigen oder mit Freund:innen und Familie bespricht. Man kann auch Themen ansprechen, die man seinen Angehörigen vielleicht nicht sagen würde, um sie zu schützen. So kann man dann sehr offene, sehr ehrliche, sehr gute Gespräche führen mit Leuten, die sich in der Thematik gut auskennen.
“Aber auch da sollte man, wie bei der Arztwahl,
so lange suchen, bis man jemanden gefunden
hat, dem man vertrauen kann und wo die
Chemie einfach stimmt.”
Welche Rolle haben Pflegekräfte während der Therapie gespielt?
Ich habe es total geschätzt, wie sehr sich das Pflegepersonal gekümmert hat. Gerade, wenn man bedenkt, wie dünn besetzt die Belegschaft zu dieser Zeit während Corona war. Ich hatte deshalb auch immer den Anspruch an mich selbst, der angenehmste Patient zu sein, den man sich vorstellen kann. Deshalb wollte ich auch ein bisschen diese Wertschätzung zurückgeben, die das Pflegepersonal verdient hat. So hatte ich auch ein sehr gutes persönliches Verhältnis, weil ich natürlich öfter auf den gleichen Stationen war, und dann geht das manchmal sogar ein bisschen über den Smalltalk hinaus. Sie haben auch sehr mitgefiebert mit mir, wussten über meine Ergebnisse aus dem Tumorboard Bescheid und haben sich damit identifiziert. Und so können Pflegekräfte durch Kleinigkeiten und positives Kommunizieren einen unglaublich großen Unterschied machen.
Wurdest du auch operiert?
Ein Jahr nach der Diagnose wurde ich operiert, da die Therapie gut angeschlagen hatte und man sich dann entschieden hat, eine Operation zu versuchen. Davor kamen noch einige Untersuchungen. Leberfunktionstests, um zu sehen, wie viel die Leber noch leisten kann und wie viel Prozent der Leber entfernt werden kann, ohne dass sie ihre Funktion verliert.
Die OP selbst hat circa acht Stunden gedauert. Dabei wurden bei mir praktisch das komplette Gallensystem und ein Leberlappen entfernt, der inzwischen aber wieder nachgewachsen ist. Die Leber ist zum Glück das einzige Organ, das sich wieder erneuern und nachwachsen kann. Während der Operation ist man explorativ vorgegangen und hat scheibchenweise Tumor-Material abgetragen und direkt ins Labor geschickt, um zu untersuchen, ob noch Krebszellen vorhanden sind oder nicht.
“Glücklicherweise waren nur wenige Zehntel-
Millimeter vor der Pfortader keine Krebszellen
mehr nachweisbar. Das hieß, dass alles
Tumormaterial entfernt werden konnte.”
Nachdem ich aufgewacht bin, kam irgendwann eine Pflegerin mit einem Telefon ins Zimmer. Am Telefon war meine Frau und hat gesagt: ‚Es konnte alles entfernt werden. Du bist krebsfrei!‘
5. Nachsorge beim Gallengangskarzinom
Wie hat sich dein Leben durch die Erkrankung verändert?
Ich lebe seitdem auf einem deutlich weiteren Spektrum. Wo es früher Familie, Urlaub, Job, Hobbys gab, gibt es jetzt Leben, Tod und alles, was dazwischen kommt. Das ist auch eine Bereicherung und irgendwie ein etwas ‚echteres‘ Leben, würde ich sagen. Zum Glück stellt sich aber bei vielen Dingen auch der Alltag ein.
Körperlich merke ich, dass ich nicht mehr so fit bin wie früher. Das gibt sich aber und wird immer besser. Ich hatte zum Beispiel sehr extreme Polyneuropathien danach, das bedeutet, dass die Nervenenden hauptsächlich in den Händen und in den Füßen Schäden nehmen und es sich dauerhaft so anfühlt, als wären sie eingeschlafen oder als wären da Ameisen drin. Das hat aber nachgelassen. Auch die Müdigkeit hat nachgelassen.
“Die Krankheit macht einem klar, dass man die
großen Dinge nicht in der Hand hat und dass
Kontrolle eine Illusion ist.”
Und wenn man das loslassen kann und sich auf die Dinge konzentriert, die man kontrollieren kann, die eigenen Gedanken, dann ist man stärker und deutlich besser für jegliche Situation gewappnet. Man ist von vielen Dingen deutlich weniger genervt.
Ich würde sagen, ich bin noch deutlich entspannter geworden und habe eine viel höhere Akzeptanz anderen Menschen gegenüber, auch weil ich einfach merke, jeder kämpft seine eigene Schlacht und hat seine eigenen Probleme, die er mit sich rumträgt. Man weiß nicht, was der andere gerade durchmacht. Wir haben nicht so lange Zeit und dann sollte man die Zeit nach Möglichkeit auch gut verbringen.
Musst du regelmäßig zur Nachsorge?
Ja, es wird immer noch engmaschig kontrolliert. Alle drei Monate wird ein CT gemacht. Letzte Woche hatte ich wieder eine Untersuchung, das war dann das erste Mal, dass das nicht mehr mit einem CT gemacht wurde, sondern mit einem Ultraschall, was deutlich weniger belastend für den Körper ist. In drei Monaten habe ich noch eine Untersuchung und danach dann wahrscheinlich einmal im halben Jahr und ab dem fünften Jahr nur noch jährlich.
Gibst du deine Erfahrungen heute an andere Betroffene weiter?
Ja, ich bin im Patient:innenbeirat eines Krebszentrums an der Uniklinik, im Patient:innen-Forschungsbeirat und beim Nationalen Zentrum für Tumorerkrankungen. Dort geht es darum, den Patient:innen eine Stimme zu geben.
“Ziel ist es, dass man als Patient:in einbezogen wird,
dass die Meinung, Gedanken und auch die Gefühle
von Patient:innen berücksichtigt werden bei den
Entscheidungen der Ärzte.”
Meine größere Mission ist, den Menschen zu vermitteln, dass Krebs eine hochindividuelle Krankheit ist und kein Krebs dem anderen gleicht. Und dass auch die Therapie ganz individuell ist. Dass man also nur selbst weiß, wie man diese Geschichte schreiben wird. Ich möchte den Leuten Hoffnung geben, dass Krebs nicht mehr das ist, was es noch vor 10 Jahren oder vor 15 Jahren war, dass ein:e Krebspatient:in nicht unbedingt der glatzköpfige, blasse Mensch sein muss, der im Bett liegt, sondern dass das Menschen sein können, die unterwegs und aktiv sind.
Wie hast du dich mit dem Thema Sterben auseinandergesetzt?
Das war natürlich Thema und stand immer im Raum. Ich habe ganz praktische Dinge geregelt und Briefe geschrieben. Aber wenn man das akzeptiert, dass es so kommen könnte, aber gleichzeitig sagt, ich kann alles dagegensetzen, dass es nicht so kommt, und ich weiß auch, wo der Weg hingeht, dann gehe ich natürlich diesen Weg. Man kann sich dabei unglaublich zunutze machen, dass das Gehirn nur einen Gedanken gleichzeitig denken kann: Wenn ein schlechter Gedanke kommt, habe ich eigentlich direkt den passenden positiven Gedanken dazu, den ich dagegenhalten kann. Und natürlich gibt es einen Teil in meinem Gehirn, der immer in den Abgrund will, aber es gibt halt den anderen Gedanken, den man dagegensetzen kann:
“Du lebst ja noch! Du atmest noch, du hast einen Puls. Und solange wir noch atmen und solange wir den Puls haben, machen wir auch weiter.”
Welche Arten von Rehabilitation gibt es?
Die medizinische Rehabilitation kann als Anschlussheilbehandlung (AHB) unmittelbar nach der Behandlung im Krankenhaus erfolgen, meist innerhalb von zwei Wochen nach der Entlassung.2 Nach der AHB kann noch eine Nachsorge-Rehabilitation angeschlossen werden, um gegebenenfalls noch bestehende gesundheitliche Einschränkungen zu adressieren.2 Die onkologische Rehabilitation ist speziell auf Krebspatient:innen abgestimmt und kann als AHB oder Nachsorge-Rehabilitation erfolgen.2
Bei der Rehabilitation arbeiten Spezialist:innen aus Medizin, Krankenpflege, Psychologie, Sozialdienst, Physio-, Ergo- und Bewegungstherapie, Ernährungsberatung und weiteren Fachgebieten zusammen, um Sie im Umgang mit Ihrer Erkrankung zu unterstützen. Die AHB dauert in der Regel drei Wochen.2 Die Teilnahme an Rehabilitationsmaßnahmen ist freiwillig und kann auch später als onkologische Rehabilitation erfolgen.
Antragstellung
Eine AHB muss noch während des stationären Aufenthalts in der Klinik beantragt werden und sollte an einer Einrichtung erfolgen, die über Erfahrungen mit biliären Karzinomen und den Folgen der Behandlung verfügt.2 Hilfe bei der Antragstellung erhalten Sie beim Sozialdienst des Krankenhauses oder bei Krebsberatungsstellen. Ein Antrag auf eine onkologische Nachsorge-Reha muss innerhalb von zwölf Monaten nach Abschluss der ersten Therapie gestellt werden, damit der Anspruch nicht verfällt.2 Den Antrag für eine Rehabilitation nach der Krebserkrankung stellen Sie in der Regel bei der gesetzlichen Kranken- oder Rentenversicherung. Wird Ihr Antrag abgelehnt, können Sie innerhalb eines Monats widersprechen.2
Nachsorge
Wenn Ihre Behandlung abgeschlossen ist, werden Sie im Rahmen einer Nachsorge auch weiterhin ärztlich betreut.2 Wer die Untersuchungen durchführt, können Sie mit Ihrem Behandlungsteam besprechen. Infrage kommen meist Fachärztinnen oder Fachärzte für Onkologie oder Gastroenterologie aber auch Ihre Hausärztin bzw. Ihr Hausarzt.2
Welche Untersuchungen durchgeführt werden ist unterschiedlich und hängt unter anderem von Ihrem Krankheitsstadium ab.2 Nach einer erfolgreichen operativen Entfernung des Tumors kommen meist eine Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) zum Einsatz, um den Behandlungserfolg zu überwachen.2 Im ersten Jahr sollten CT oder MRT alle drei Monate, im zweiten Jahr alle drei bis sechs Monate und ab dem dritten Jahr alle 12 Monate erfolgen.2
Unterstützungs- und Anlaufstellen
Wer von Krebs betroffen ist, fühlt sich oft niedergeschlagen, ängstlich, traurig oder auch verzweifelt. Hinzu kommen oft existenzielle, familiäre oder finanzielle Sorgen, Wut, Scham oder Hoffnungslosigkeit. Psychosoziale Angebote können seelische Belastungen verringern und helfen, mit den eigenen Gefühlen besser umzugehen. In Reha-Einrichtungen gehören psychosoziale Angebote zum Standard und sollten möglichst früh wahrgenommen werden. Hilfreich kann aber auch der Kontakt zu anderen Betroffenen über Selbsthilfegruppen oder Patient:innenorganisationen sein.
Quellen:
1 Onkopedia Leitlinien: Biliäre Karzinome. Oktober 2021; https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/biliaere-karzinome/@@guideline/html/index.html; (abgerufen im Dezember 2023).
2 Leitlinienprogramm Onkologie. Patientenleitlinie Krebs der Gallenwege und Gallenblase. September 2021. Erhältlich unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/032-053OLp_S3_Krebs-Gallenwege-Gallenblase_2023-01.pdf (abgerufen im Dezember 2023).
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